Das persönliche Aushängeschild

Auch wenn ihre Bedeutung im digitalen Zeitalter mit Netzwerk-Seiten wie XING oder LinkedIn langsam abnimmt: Wer viele berufliche Kontakte knüpfen will, kann auch 2013 kaum auf Visitenkarten verzichten.

Weil der Hausherr nicht daheim war, soll ein adeliger Besucher in Frankreich im 17. Jahrhundert eine Spielkarte mit Namen und Anschrift an seinem Burgtor hinterlassen haben, um ihn über seine Visite zu informieren. Welchen Trend er damit lostreten sollte, dürfte er wohl kaum geahnt haben. Bald gehörten Visitenkarten zum gu- ten Ton. Gegen Ende des 18. Jahrhun- derts wurden die meist 85 mal 45 Millimeter großen Karten in ganz Europa populär. Adelige oder Unternehmer bekamen von ihren Dienern die Karten der Besucher am Silbertablett serviert und konnten dann entscheiden, ob sie den Gast empfangen wollten. Nicht nur das Design der Visitenkarten veränderte sich mit der Zeit und wurde schlichter. Im späten 19. und im 20. Jahrhundert wurden die Karten nicht mehr verwendet, um private Visiten anzukündigen, sondern um berufliche Kontakte und sich zu vernetzen. Unter erfolgreichen Geschäftsleuten im New York der 80er-Jahre galten Visitenkarten als notwendiges Arbeitsmittel und Statussymbol. Zur Yuppie-Elite der Stadt gehören ohne hochwertige Karte? Nicht möglich.

Auch im digitalen Zeitalter ist die Visitenkarte ein fester Bestandteil des Geschäftslebens - obwohl Daten per Mail ausgetauscht und Kontakte über Business-Seiten wie XING oder LinkedIn per Mausklick hinzugefügt werden können. Nach Networking-Veranstaltungen lassen sich Unternehmer

beobachten, die stapelweise Visiten- karten sortieren. Ludwig Scharinger etwa verteilte auf Bällen oder Empfängen gleich mehrere hundert Visitenkarten. „Der Opernball war für mich eine der stärksten Veranstaltungen. An diesem Abend habe ich sicher um die 1000 Hände geschüttelt und dabei Visitenkarten ausgetauscht“, sagt der ehemalige Raiffeisenlandesbank- Generaldirektor. Er notiert Stichwörter auf der Rückseite der Kärtchen seiner Gesprächspartner, um sich später genau an die Inhalte zu erinnern. „Im Büro bin ich dann die Visitenkarten durchgegangen und habe wichtige Geschäftspartner angerufen, und so Kontakte geknüpft“, sagt Scharinger. Bei im Schnitt 15 ausgeteilten Visitenkarten pro Veranstaltungen, vier Veranstaltungen in der Woche und 40 Arbeitswochen im Jahr schätzt Scharinger, dass er in seiner 26-jährigen Funktion als Generaldirektor mehr als 62.000 Visitenkarten verteilte.

Bedeutung wird mittlerweile unterschätzt

Michael Pucher, Geschäftsführer der Unternehmensberatungsfirma und Werbeagentur beziehungsweise consulting hat den Eindruck, dass die Bedeutung von Visitenkarten mittlerweile unterschätzt wird. Der Grund: „Gerade durch den Mailverkehr oder das Internet ist es nicht mehr so oft notwendig, Visitenkarten herzugeben“, sagt Pucher. Was manche Firmen dabei vergessen: „Über die Karten kann ich mit Dingen wie Papierqualität oder Layout einen guten Eindruck erwecken. Professionelle Visitenkarten sind für ein seriöses Unternehmen notwendig“. Trifft man auf neue Personen, helfen sie als Gedächtnisstützen. Oder, um den Rang seines Gegenübers unkom- pliziert zu erfahren. „Als Unternehmer muss ich mich in einem Gespräch nicht als Geschäftsführer vorstellen, es reicht, wenn ich eine Visitenkarte hergebe, und der Gesprächspartner weiß, mit wem er es zu tun hat“, sagt Pucher. Der Unternehmensberater empfiehlt, nicht unbedingt nur für Außendienstler Visitenkarten anzufertigen. „Auch für Mitarbeiter innerhalb der Firma können sie eine gewisse Rolle spielen – und möglicherweise auch das „Wir“- Gefühl stärken“.

In Zukunft könnten Visitenkarten durch weitere technische Innovationen noch stärkere Konkurrenz bekommen. Das oberösterreichische Start-Up ctact.me bietet etwa eine innovative „virtuelle“ Visitenkarte an. Jeder Benutzer der Handy-App bekommt einen persön- lichen CR-Code, hinter dem sich ein Link zur digitalen Visitenkarte befindet. Die Daten werden bei Bedarf bequem von Smartphone zu Smartphone über- tragen. Durch das Anbringen des ctact. me-QR-Codes auf Papier-Visitenkarte wird die Lücke von analoger zu digita- ler Welt überbrückt.

Mehr als 400 Jahre, nachdem der fran- zösische Adelige seinen Besuch mit einer Visitenkarte vermerkte, können also Kontaktdaten direkt vom Papier auf das Smartphone übertragen wer- den. Auch das Layout hat sich in diesen 400 Jahren verändert. Die Intention ist aber dieselbe geblieben: Kontakt mit interessanten Menschen herstellen._

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